Herausforderungen bei der Einführung einer DiGA. Ein Interview mit Jörg Land von Sonormed

Geposted am: 22. Juli 2020

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) haben in diesem Jahr durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und zusätzlich auch durch die anhaltende Corona-Krise einen Aufschwung erfahren. In der Regel müssen DiGAs durch Ärzte verordnet werden. Was muss beachtet werden und was können Anbieter von bestehenden Akteuren aus der pharmazeutischen Industrie und der Medizintechnik lernen?

Jörg Land, Gründer und Geschäftsführer von Sonormed GmbH und Entwickler von Tinnitracks, hat die passenden Antworten parat.

 

Tinnitracks wird gerne als Ur-DiGA bezeichnet, da sie die erste App ist, die von den meisten Krankenkassen erstattet und deutschlandweit von Ärzten verordnet wird. Was sind aus deiner Sicht die zentralen Herausforderungen bei einer DiGA? 

Nachdem eine Erstattung, auf Basis welcher Rechtsgrundlage auch immer, für eine DiGA erlangt wurde, stellt sich die zentrale Frage: Wie gelangt diese Innovation erfolgreich in die Hände der richtigen Patienten, damit diese davon profitieren? Die Ärztinnen und Ärzte haben auch bei einer DiGA weiterhin die Therapiehoheit und eine ärztliche Verordnung bildet die Grundlage für die Kostenübernahme. Zusätzlich können aber auch Kostenträger bei einer vorliegenden Diagnose eine DiGA abgeben. Aber schon allein mit ca. 116.000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland (Stand: Dezember 2019, www.bundesaerztekammer.de), die eine sehr heterogene Gruppe darstellen, muss eine sehr große Gruppe an Personen informiert und vorbereitet werden. Die Komplexität einer DiGA ist ungleich höher als bei einem pharmazeutischen Produkt. Für kleinere Teams ist dies häufig aufgrund geringerer Personalressourcen und Erfahrungen eine große Herausforderung, DiGAs in vorhandene Strukturen und Prozesse von Arztpraxen zu integrieren.

 

Welche Unterschiede siehst du in dem Vertrieb von DiGAs im Vergleich zu verschreibungspflichtigen Medikamenten?

Die Komplexität einer DiGA ist ungleich höher eines pharmazeutischen Produkts. Spätestens, wenn Patienten wiederholt ihre technischen Probleme, wie beispielsweise die Komptabilität ihres Geräts oder Fragen zum Anmeldeprozess zurück in die Arztpraxis bringen, dann wird bei zukünftigen Verordnungen wieder auf die bekannten pharmazeutischen Optionen zurückgegriffen, bei denen die Usability, also das Schlucken der Tablette, von allen Patienten beherrscht wird und die Komptabilität, sprich der Mensch vorhanden ist.

Die etablierten Unternehmen aus der Pharmazie und Medizintechnik sind im Vorteil, da sie über bestehende Vertriebsstrukturen verfügen, deren Kosten über verschiedene Produkte refinanziert werden. Die Komplexität der DiGA für die Arztpraxis, die der Außendienst im Blick haben wird, hatte ich erwähnt. Neben der komplexen Erklärung der DiGAs hat der Außendienst seinen Fokus auf die bestehenden Produkte und möchte nicht, dass die bestehenden Verordnungen durch eventuelle Probleme mit digitalen Anwendungen gefährdet werden. Auf Basis der bestehenden Beziehungen zu Ärzten*innen und Pharmaunternehmen muss der bestehende Außendienst somit in die Lage versetzt werden, die DiGA möglichst unkompliziert zu präsentieren und den Arzt oder die Ärztin zu beraten und zwar so, als wenn es sich um ein stoffliches Präparat handeln würde. Daneben wird eine gute Vertriebssteuerung, die auf die digitalen Produkte optimiert wurde, benötigt.

 

Welche Herausforderungen hattet ihr bei der Einführung von Tinnitracks?

Sonormed, der Hersteller von Tinnitracks, stand vor fast 5 Jahren bei der Einführung von Tinnitracks vor ähnlichen Herausforderungen wie die DiGA-Hersteller heute. Die Kostenübernahme sollte gesichert und die richtigen Patienten erreicht werden. Nachdem wir die Kostenübernahme mit der ersten Krankenkasse, der Techniker, erreicht haben, mussten wir den Weg zu den Patienten finden. Heute haben wir Partnerschaften mit über 80 Krankenversicherungen und arbeiten deutschlandweit mit HNO-Ärzten zusammen. Die Ansprache der Patienten erfolgt dabei verteilt über die Recherche und Weiterempfehlung von Patienten, über die teilnehmenden HNO-Arztpraxen und durch die Krankenkassen, die ihre Versicherten regelmäßig über das Versorgungsangebot „Tinnitracks“ informieren. Wir haben über die Zeit viele Erfahrungen gesammelt und schrittweise die Prozesse auf die Anforderungen der Patienten und der Arztpraxen optimiert. Wir habe eigene Tools entwickelt, durch die beschriebenen Herausforderungen auch mit einem vergleichsweisen kleinen Team gelöst werden können.

Eine DiGA muss heutzutage jedoch viel schneller agieren können als es bei uns damals der Fall war. Denn mit einem Mal ist man für alle Versicherten in allen Arztpraxen verfügbar. Die Zeit für eine schrittweise Optimierung des Produkts auf die unterschiedlichen Arztpraxen und Patienten kann dann schnell fehlen. Gleichzeitig kann auf die Unterstützung der Kostenträger bei der Aktivierung von Patienten, die letztendlich von der DiGA profitieren können, nicht in jedem Fall zurückgegriffen werden.

 

Was sind die für dich wichtigsten Punkte bei der Distribution von digitalen Gesundheitsanwendungen? Worauf sollten die Entwickler achten?

Es ist wichtig, dass Prozesse an die Arztpraxis angepasst werden und nicht umgekehrt. Außerdem muss im Vorfeld klar geregelt sein, welche Probleme bei der Anwendung auftreten können und wie diese beim Arzt gelöst werden. Auch muss der entsprechende Support kommuniziert werden. Denn Ärzte*innen sowie das Praxisteam wünschen sich einen Ansprechpartner bei Problemen. Wenn es bei der Anwendung der DiGA auf Seiten des Patienten zu Problemen kommt und die Praxis häufiger bei technischen Problemen angesprochen wird, steigt das Risiko, dass die App nicht wieder verordnet wird. Es stört den Praxisalltag erheblich und kostet das Praxisteam wichtige Zeit für die Behandlung von Patienten. Eine vertriebliche Kooperation mit einem bestehenden Außendienst kann eine Lösung darstellen, jedoch gelten hier die weiter oben beschriebenen Konflikte am Produkt.

 

Vielen Dank an Jörg Land für deine interessanten Insights und das Gespräch.